Kompensation ohne Kontrolle - Die Musikindustrie nach der MP3-Revolution
24.09.2004: Mittwoch, 29.09.2004 18:30 Uhr bis 22:00
Veranstaltung vom Netzwerk Neue Medien in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung.
Galerie der Heinrich Böll Stiftung, Rosenthaler Str. 40-41, 10178 Berlin
Wohl kaum eine Branche wurde durch das Aufkommen von Internet und Breitbandtechnologien so in ihren Grundfesten erschüttert wie die Musikindustrie. Als Napster Ende 2000 vom Medienriesen Bertelsmann übernommen wurde, war der gesamten Muskibranche klar, dass sich File-Sharing und Peer-to-Peer-Technologien die Branche nachhaltig veränderten. Parallel dazu stieg die Verbreitung von CD-Brennern und Tauschbörsen wie Kazaa, E-Donkey oder Soul-Seek übertrumpfen Napster noch.
Ein irreversibler Trend oder etwa nicht? Nach vergeblichen Versuchen, mit Manipulationen - wie dem massenhaften Verbreiten beschädigter Musikdateien - oder Verbotsverfahren gegen die Betreiber dezentraler Tauschbörsen den massenhaften Austausch von Musik über das Netz zu stoppen, führte die deutsche Phonwirtschaft im März diesen Jahres schwerere Geschütze auf und stellte Strafanzeigen NutzerInnen von Tauschbörsen.
Parallel arbeitet die Musikindustrie auch vehement an legalen Alternativen. Doch insbesondere ungeklärte (Verwertungs-)rechtsfragen und die Uneinigkeit der Branche führten zwar zu zahlreichen Angeboten, die aber alle in punkto Auswahl und Kosten bislang nicht überzeugen können. Auch die labelübergreifende Plattform Phonoline hat bislang keine Abhilfe schaffen können. Einzig Apple scheint mit seinem eigenen Download-Angebot i-tunes in Verbindung mit dem Abspielgerät i-pod eine ökonomische Erfolgsgeschichte zu schreiben.
BefürworterInnen und GegnerInnen von Strafverfolgungsmaßnahmen gegen Tauschbörsenbenutzer stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Während die einen befürchten, mit Musik sei ansonsten zukünftig kein Geld mehr zu verdienen und die KünstlerInnen seien in ihrer Existenz bedroht, befürchten die anderen die totale Überwachung von Usern im Netz und eine kontraproduktive Kriminalisierung von Musikkonsumenten. Doch gibt es nicht vielleicht doch innovative Modelle jenseits von Staatsanwaltschaft und Gerichten? Erste Vorschläge liegen auf dem Tisch. So fordern WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen in der so genannten "Berliner Erklärung zu kollektiv verwalteten Online-Rechten" neuartige Ansätze zu verfolgen, um Urheber für die Online-Nutzung ihrer Werke zu vergüten. "Digital Rights Management-Technologie" und die massenhafte Strafverfolgung von Filesharern seien Strategien, die in einer offenen und gerechten Gesellschaft nicht akzeptabel sind. Stattdessen fordert die Initiative eine indirekte Kompensation, wie sie sich für zulässiges privates Kopieren seit Jahrzehnten bewährt hätte. NutzerInnen würden eine Flatrate für das Recht zum Filesharen bezahlen, und eine neue Online-Verwertungsgesellschaft würde UrheberInnen und Verlage entsprechend der gemessenen Nutzung ihrer Werke vergüten.
Doch wie realistisch sind solche Ansätze? Kann es wirklich eine "Kompensation ohne Kontrolle" geben? Brauchen wir eine eigene Verwertungsgesellschaft für das Netz? Oder ist eine engere juristische Ausgestaltung der Weg, um die Nutzung von Tauschbörsen zu verhindern? Geht dies nur über eine Kriminalisierung von MusikliebhaberInnen oder auch durch Aufklärung und Information?
Passend zum Debüt der Popkomm in Berlin thematisieren ExpertInnen aus Politik, Wissenschaft und der Musikbranche diese spannenden Fragen anhand der aktuellen politischen Auseinandersetzug um die weitere Reform des digitalen Urheberrechtes.
Ablauf
18.30 Einlass
19.00 Begrüßung
Olga Drossou Heinrich-Böll-Stiftung
19.05 Einführung
Tile von Damm Perspektiven Globaler Politik
Markus Beckedahl Netzwerk Neue Medien
19.15 Key Notes
Dr. Thorsten Braun Syndikus der Deutschen Phonoverbände
Dr. Felix Stalder Lecturer in Media Economy, Academy of Art and Design, Zürich & co-founder, Openflows.org, Wien, www.openflows.org
20.00 Paneldiskussion
Mercedes Bunz DE:BUG
Katja Husen Bundesvorstand Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Günther Krings MdB CDU/CSU
Dr. Christian Kröber Direktor GEMA
Martin Schuhmacher Yo-Mama
Moderation: Oliver Passek, Netzwerk Neue Medien<br>
Neues Veranstaltungsformat - netzwerklounge im newthinking store am 29. September ab 21.30h<br>
Nach der Veranstaltung "Kompensation oder Kontrolle - Die Musikindustrie nach der MP3-Revolution" am 29. September 2004 in der Heinrich-Böll Stiftung lädt das Netzwerk Neue Medien zur ersten Netzwerklounge in den newthinking store in der Tucholskystr. 48 ein. In gemütlicher und anregender Atmosphäre können vertiefende Gespräche mit Medienpolitiker geführt werden oder einfach nur der Arbeitstag einen entspannten Abschluss finden. www.nnm-ev.de www.newthinking.de
